Sonntag, 20. Juli 2008

Quellen zu Gao Xingjian und Hui-neng

Hui-neng (638–713)
Der 6. chinesische Patriarch des Meditations-Buddhismus (chin. Ch’an, jap. Zen) seit dem indischen Gründer Bodhidharma. Auf ihn geht die Übertragung des Buddha-Dharma von Herz-Geist zu Herz-Geist zurück und er hat dieser Lehrrichtung des Zen zum ersten Mal eine eigene, chinesische Prägung gegeben. Sein berühmtes Sutra, (gesprochen) vom Hohen Sitz des Dharma-Schatzes wurde 1928-29 erstmals ins Englische übertragen von WONG Mou-lam (Shanghai 1930), erschien in A Buddhist Bible von Dwight Goddard (Thetford/Vermont, USA 1932) und 1949 in einer Übersetzung von Daisetz Teitaro Suzuki. Seit 1957 bzw. 1958 liegt es auch in deutscher Sprache vor. Mit Hui-neng und seinen Dharma-Nachfolgern begann das goldene Zeitalter des Ch’an in China, das während der T’ang- und Sung-Zeit zahlreiche überragende Meister hervorbrachte, deren rätselhafte Taten und Aussprüche (Kôan) bis heute Inspiration und Ansporn für Übende in aller Welt sind. Besonders die Darstellungen der Lehr-Szene Hui-neng zerreißt eine Sutra-Rolle, z.B. in dem Tuschebild von Liang-k’ai (12.Jh.), welche die ikonoklastische (text- und bildkritische) Grundhaltung dieser Zen-Schule zum Ausdruck bringt, haben moderne Westler beeindruckt: Robe und Schriften als Symbole der Tradition werden von Generation zu Generation weitergegeben, der Dharma (das Wesensverständnis der Lehre des Buddha) muß von Geist zu Geist übermittelt werden. Im Zeitraum der Moderne wurden weltweit zahlreiche Künstler und Schriftsteller vom Zen beeindruckt, so auch GAO Xingjian, der Hui-neng das erste Theaterstück (Snow in August, 2000) gewidmet hat. Über seinen Meister sagte Hui-neng: „Es gibt nichts, was mir der fünfte Patriarch übermittelt hätte. Es kam nur auf die Einsicht in das eigene Wesen an. Versenkung sowie Erlösung (und sonstige ‚buddhistische’ Fragen) wurden nicht erörtert, weil dies eine Betrachtung von Gegensätzen wäre und nicht der Buddha-Dharma. Der Buddha-Dharma ist die Lehre der Nicht-Zweiheit. Das Wesen der Nicht-Zweiheit ist in seiner Soheit Buddha-Wesen.“

Quellenhinweise zu Hui-neng
Hui-neng, Autobiographie eines Zen-Meisters, in: Entering the Stream, dt. Ein Mann namens Buddha, hrsg. v. Samuel Bercholz und Sherab Chödzin, Bern/München/Wien: O.W.Barth Verlag 1994, S.229-243.Hui-neng, Das Sutra des Sechsten Patriarchen: Das Leben und die Zen-Lehre des chinesischen Meisters Hui-neng (638-713) mit Erläuterungen von Soko Morinaga Roshi. Aus dem Chinesischen und dem Japanischen übersetzt von Ursula Jarand, München/Bern u.a.: O. W. Barth bei Scherz, 1989.Der 6. Patriarch kommt nach Manhattan. Sokei-an’s Kommentar zum Plattform Sutra des chinesischen Zen-Meisters Hui-neng von Shigetsu Sokei-an, Berlin: Theseus Verlag 1988.Daisetz Teitaro Suzuki, Die Zen-Lehre vom Nicht-Bewußtsein: Die Bedeutung des Sutra von Hui-neng, München: Otto Wilhelm Barth-Verlag 1957.Wei-lang, Das Sutra des Sechsten Patriarchen, übers. u. hrsg. v. Raoul von Muralt, Mahayana-Buddhismus Bd.3, Zürich: Origo Verlag 1958.

Zitat Hui-neng
„Die allerhöchste Erleuchtung bedeutet, mit einem Mal und unmittelbar den ursprünglichen Geist zu erkennen - zu erkennen, daß das eigene Wesen ursprünglich ohne Geburt und Tod ist, und es bedeutet, immer und überall mit jedem Gedanken zu erkennen, daß die Zehntausend Dinge nicht stillstehen. Es bedeutet zu wissen, daß eine Wahrheit die ganze Wahrheit ist, daß jedes Ding von Natur aus die ganze Wahrheit verkörpert, daß der Geist in seiner Soheit die Wahrheit ist. Auf diese Weise zu erkennen, ist das eigene Wesen der allerhöchsten Erleuchtung.“

Vita GAO Xingjian
1940 geboren in Ganzhou, Provinz Jiangxi Sheng, China.1951 – 1957 Besuch des Gymnasiums in Nanjing, Provinz Jiangsu Sheng, China. Sein Wunsch, Malerei zu studieren, wird von der Mutter zurückgewiesen.1957 – 1962 Fremdsprachenstudium in Peking, Provinz Beijing, China (Diplom).1962 – 1970 Übersetzer für Fremdsprachen in Peking.1970 – 1975 Während der Kulturrevolution (1966-1976) wird er gezwungen, als Bauer auf dem Land zu arbeiten. Seine bisherigen literarischen Ergebnisse muß er verbrennen. Er schreibt heimlich weiter.1975 Nach der Rückkehr nach Peking Wiederaufnahme der Tätigkeit als Übersetzer.1979 Beginn der Möglichkeit, seine Essays, Novellen und Erzählungen in Literaturzeitschriften Chinas zu veröffentlichen.1981 Sein Erster Essay über die Kunst des modernen Romans provoziert in China eine umfassende Debatte über "Modernismus und Realismus". Sein Theaterstück Alarmsignal markiert den Beginn des experimentellen Theaters in China, wird jedoch Gegenstand einer großen polemisch geführten Diskussion.1983 Sein Theaterstück Die Busstation wird von den chinesischen Machthabern verboten und Gao Xingjian wird Ziel massiver Attacken während der politischen Bewegung "Gegen die geistige Umweltverschmutzung".1983 – 1984 Er verläßt Peking und unternimmt mehrere lange Reisen in das Yang-Tse-Kiang-Becken.1985 Sein Theaterstück Der wilde Mann wird Gegenstand einer weiteren polemisch geführten Debatte. Auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) und des französischen Auswärtigen Amts hält er sich acht Monate in Europa auf. Seine erste Ausstellung im Berliner Künstlerhaus Bethanien wird ein Erfolg.1986 Die Proben zu seinem neuen Stück Das andere Ufer werden in Peking unterbunden. Über ihn wird ein generelles Aufführungsverbot seiner Stücke verhängt.1987 Auf Einladung des Morat Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg, und des französischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation, Paris, verläßt er China und lebt in Paris. Hier setzt er die Arbeit an seinem 1982 in China begonnenen Roman Der Berg der Seele fort und beginnt auch wieder zu malen.1989 Nach den Ereignissen auf dem Platz vor dem Tor des himmlischen Friedens (Tian´anmen) in Peking beendet er den Roman Der Berg der Seele. Er schreibt das Theaterstück Die Flucht, das ein Verbot aller seiner Werke in China nach sich zieht. Er erhält in Frankreich daraufhin den Status eines politischen Flüchtlings und läßt sich endgültig in Paris nieder.1990 –1991 Sein Roman Der Berg der Seele wird 1990 in Taiwan und 1991 in Schweden publiziert.1992 Das Kungliga Dramatiska Teatern von Stockholm führt sein Stück Die Flucht auf. In Frankreich wird er zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt.1994 Sein Theaterstück Der Schlafwandler erhält in Belgien den Prix de la communauté française.1995 Sein Roman Der Berg der Seele erfährt nach der Übersetzung durch Noël et Liliane Dutrait einen überragenden Erfolg.1997 Er erhält die französische Staatsbürgerschaft. Für seinen Roman Der Berg der Seele erhält er den Prix du Nouvel An chinois.1998 Sein Roman Das Buch eines einsamen Menschen wird in Taiwan veröffentlicht.2000 Er erhält den Literaturnobelpreis sowie den italienischen Premio Letterario. Vom französischen Präsidenten wird er zum Chevalier de l’Ordre de la Légion d’Honneur nominiert.2001 An der Universität Sun Yat-sen, Taiwan, sowie an der Université de Provence Aix- Marseille, Frankreich, wird er jeweils zum Doctor Honoris Causa ernannt. Die Universität von Hong-Kong, China, erkennt ihm den Ehrengrad des Doktors der Literatur zu.2002 Er wird Mitglied des Comité de lecture de la Comédie Française. Die American Academy of Achievement übergibt ihm The Golden Plate Award.2003 Er wird zum Mitglied der Académie universelle des Cultures in Frankreich gewählt.2006 Die New York Public Library verleiht ihm den Preis Library Lions.

Einzelausstellungen (Auswahl) GAO Xingjian
1985 Théâtre d’art du peuple de Pékin, ChineBerliner Künstlerhaus Bethanien, Berlin, AllemagneAlte Schmiede, Vienne, Autriche1987 Département de la Culture, Lille, France1988 Office municipal des Beaux-Arts et de la Culture, Wattrelos, France1989 Östasiatiska Museet, Stockholm, Suède1990 Centre culturel de Lumière de Chine, Marseille, France1991 Espace d’art contemporain Confluence, Rambouillet, France1992 Centre culturel de l’Asie, Marseille, France1993 Maison de la Culture de Bourges, FranceGalerie Hexagon, Aachen, Allemagne1994 Teatr Polski, Poznan, Pologne1995 Taipei Fine Arts Museum, Taiwan1996 Palais de Justice, LuxembourgAlisan Fine Arts, Hong Kong1997 The Gallery Schimmel Center of the Arts, New York, États-Unis1998 Galerie La Tour des Cardinaux, l’Isle-sur-la-Sorgue, France1999 Le Printemps du Livre, Cassis, France2000 Asia-Art Center, TaipeiFrank Pages Art Galerie, Baden-Baden, AllemagneMorat Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg, Allemagne2001 Palais des Papes, Avignon, FranceNational History Museum, Taipei, Taiwan2002 Museo Nacional, Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, Espagne2003 Musée des Beaux-Arts de Mons, BelgiqueMusée des Tapisseries, Aix-en-Provence, France2004 Centre de Cultura Contemporànea de Barcelona, Espagne 2005 Singapore Art Museum, SingapourFrank Pages Art Galerie, Baden-Baden, Allemagne2006 Institut Français, Berlin, Allemagne Musée des Beaux-Arts de Berne, Suisse2007 Ludwig Museum, Koblenz, Deutschland

Quellenhinweise (Auswahl) zu GAO Xingjian
Gao Xingjian, Die Busstation, Lyrische Komödie, Berlin: Henschel Verlag 2000. Gao Xingjian, Nächtliche Wanderung: Reflektionen über das Theater, Neckar-gemünd: Edition Mnemosyne, Reihe 'GegenSatz', Bd.3, 2000.Gao Xingjian, Tuschmalerei 1983-1993, Morat-Institut für Kunst und Kunstwis-senschaft, Freiburg im Breisgau: modo Verlag 2000.Gao Xingjian, Auf dem Meer, Erzählungen, Frankfurt am Main: S.Fischer 2000. Gao Xingjian, Der Berg der Seele, Roman, Frankfurt am Main: S.Fischer 2001. Gao Xingjian, Snow in August, Hong Kong: The Chinese University Press 2003. Gao Xingjian, Das Buch eines einsamen Menschen, Roman, Frankfurt am Main: S.Fischer 2004. Gao Xingjian: La Fin du Monde, Katalog anläßlich der Ausstellung im Ludwig Museum Koblenz, hrsg. v. Beate Reifenscheid, Bielefeld: Kerber Verlag 2007.

GAO Xingjian
Unter dem Titel eines monumentalen neuen Bildzyklus « LA FIN DU MONDE » eröffnete am 28. März 2007 im Ludwig-Museum Koblenz die erste Museumsausstellung des international renommierten chinesischen Künstlers und Literaturnobelpreisträgers GAO Xingjian (bis 27. 05. 2007). Der seit zwanzig Jahren in Paris lebende Maler und Schriftsteller (Jg. 1940) wird im überregional durch herausragende Einzelpräsentationen und thematische Ausstellungen bekannt gewordenen Haus auf zwei Ebenen mit mehr als 100 Werken aus den Jahren 1986 bis 2006 vorgestellt – ein sensationeller Einblick in das bei uns nur selten zu sehende Schaffen eines der bedeutendsten Exilchinesen, im deutschsprachigen Raum durch seinen großen autobiografischen Roman Der Berg der Seele bekannt geworden, geschrieben in Peking und Paris 1982-1989, bei Fischer seit 2001 in deutscher Übersetzung vorliegend. 1999 schloß er seinen zweiten Roman Das Buch eines einsamen Menschen ab, der seit drei Jahren ebenfalls im Fischer Verlag vorliegt. In originär chinesischem Verständnis bilden dabei literarisches und künstlerisches Schaffen korrespondierende Arbeitsfelder ohne jedes rivalisierende Gebahren. Im Jahre 2000 wurde Gao Xingjian mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet „für ein Werk von universaler Gültigkeit, bitterer Einsicht und sprachlichem Sinnreichtum, das chinesischer Romankunst und Dramatik neue Wege eröffnet hat.“ Er wird aber nicht nur international als Literat, Theatermacher und Filmer gefeiert, sondern er ist auch als ein hervorragender, sensibler Maler anerkannt, der mit durchaus traditionellen chinesischen Mitteln (sog. Reispapier und Tusche), abstrakte Bilder formuliert, die im weitesten Sinne an Landschaften, innere Welten und kosmische Vorgänge erinnern. Mit nur wenigen Akzenten vermag es Gao, die Tusche zu „modellieren“. Der im Ludwig-Museum Koblenz Titel gebende Zyklus La Fin du monde aus dem Jahr 2006 - zum Teil monumentale Tuschebilder (etwa in den Maßen 240 x 350 cm), die entgegen GAOs Gewohnheit mit den traditionellen Malmitteln Reispapier und Tusche zu arbeiten, nun sämtlich auf Leinwand ausgeführt sind – wird auch im schönen Katalog vorgestellt, mit Beiträgen von Gao Xingjian und Museumsdirektorin Dr. Beate Reifenscheid, erschienen im Kerber Verlag, Bielefeld (ca. 152 S., ca. 110 Farbabb.).

Sichtung 120

Das Forschungsfeld Sichtung 120 in Raum 1 umfaßt mittlerweile etwa 150 Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Praktizierende spiritueller Traditionen beiderlei Geschlechts, die von herausragender Bedeutung für die Weisheitsüberlieferung in Kunst und Kultur der Moderne und der Gegenwart sind. Sie werden hier vorgestellt, in Raum 1 dokumentiert, in der Neun Yanas Bibliothek gesammelt und in die Akzentausstellungen in Raum 1 einbezogen.

GAO Xingjian

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GAO Xingjian und Thilo Götze Regenbogen im Gespräch vor dem Werk La Fin du Monde (2006, 240x350 cm, Öl auf Leinwand), Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz am Rhein, 28.3.2007. Foto: Beate Reifenscheid.

Thilo Götze Regenbogen, Interview GAO Xingjian 28.3.2007

TGR: Maître GAO, ich freue mich sehr, daß wir uns wiedersehen. In Frankfurt hatten wir ja schon eine Begegnung zusammen mit Helmut (Forster-Latsch, Übersetzer des GAO-Romans „Der Berg der Seele“, Frankfurt 2001) während der Buchmesse 2006. Die Fragen, die ich heute mitgebracht habe anläßlich Ihrer Ausstellung im Ludwig Museum Koblenz, sind so offen formuliert, daß ich hoffe, Sie werden eine Antwort finden, ohne sich eingeengt zu fühlen durch ein Korsett von Begriffen.

GAO: Einverstanden.

TGR: Religiös gebundene Menschen stellen sich im Umgang mit der Kunst manchmal vor, man könne den Kunstwerken Glaubenssätze oder religiöse Überzeugungen ablesen. Was antworten Sie einem Menschen, der solches von Ihnen und Ihren Bildern erwartet?

GAO: Meine Werke haben diesen Geist, diesen Geist des Zen („l’esprit Zen“), sind davon sehr geprägt. Es gibt tatsächlich diesen religiösen Gehalt in meiner Arbeit. Ich habe ein Stück geschrieben und dann mit meinem Freund, einem Komponisten, in Szene gesetzt, eine große Oper über den sechsten Patriarchen des Ch’an, Hui-neng, die genau auf diesen Wurzeln basiert. Für mich ist der sechste Patriarch nicht nur ein religiöser Führer, sondern auch ein Philosoph. Er hat eine bestimmte Art des Denkens und des Fühlens gezeigt und initiiert. Das bedeutet, er enthüllt das Bewußtsein des Menschen selbst einschließlich seines eigenen, um die Welt zu beobachten.

TGR: Das scheint mir doch zentral auch für Ihre eigene Arbeit im künstlerischen Bereich zu sein. Diese Sicht ist sehr verschieden von der gängigen westlichen Herangehensweise von außen. Ist das so?

GAO: Ja, mit diesem Bewußtsein. Es ist nicht einfach der Blick, es ist nicht nur die Vision, es ist das Bewußtsein, das diesen Blick erhellt.

TGR: Es handelt sich also nicht z.B. um ein psychoanalytisches Verfahren?

GAO: Keineswegs. Diese Vision ist nicht einfach eine Repräsentation der Wirklichkeit.

TGR: Praktizieren Sie selbst irgendeine Art formeller Meditation oder sind das Schreiben oder der Akt des Malens Ihnen Meditation genug?

GAO: Das Schreiben oder Malen, meine Arbeit selbst ist für mich eine einzige Meditation. Auf eine formelle andere Weise praktiziere ich nicht. Dabei spielt die Musik eine große Rolle, beim Malen höre ich zumeist Musik.

TGR: Ist das ein Geheimnis oder würden Sie uns verraten, welche Art von Musik Sie meim Malen inspiriert?

GAO: Ich wähle vorher ein bestimmtes Stück aus, das ich immer und immer wieder anhöre während der Arbeit. Es ist kein Geheimnis: Ich bevorzuge z.B. Barock und Klassik, Bach, Vivaldi – sehr europäisch, keine Chinesen – aber auch japanische Gegenwartskomponisten wie Takemitsu und einen ausgezeichneten koreanischen Komponisten der Gegenwart. Auch sehr moderne Komponisten wie z.B. Steve Reich oder Alfred Schnittke.

TGR: Hat das Werk des buddhistischen Mönchsmalers Pa-ta-schan-jen (Chu Ta, 1624-1705) für Sie selbst heute noch Bedeutung?

GAO: Er ist für mich sehr wichtig auch als jemand, der das Malen mit der chinesischen Tusche nochmals neu entwickelt, weitergeführt, neu erfunden und neue Wege erschlossen hat.

TGR: Meinen Sie mehr seine technische Entwicklung oder auch die spirituelle Bedeutung seiner Haltung?

GAO: Normalerweise ist die chinesische Landschaft in der Tuschmalerei sehr codiert. Man muß sie in der Ikonographie lesen können, um sie zu verstehen. Pa-ta-schan-jen war jemand, der sehr frei von diesen Codes war.

TGR: Wären Sie damit einverstanden, wenn man Ihre Malerei als eine neue Form von „Zen-Kunst“ klassifizieren würde?

GAO: Ich habe nichts dagegen.

TGR: Auf mich wirkt Ihre Kunst universell, also keineswegs nur für Zen-Adepten lesbar oder in einer kleinen Ecke von Paris oder nur in Deutschland oder Österreich verständlich.

GAO: Ja, das stimmt. Ich möchte allerdings die chinesischen Spuren, die „Chinoiserie“ in meiner Behandlung der Themen beseitigen.

TGR: Sie gelten als Erfinder des „Zen-Theaters“. Leider ist es mir bisher nicht geglückt, etwas von Ihren Theaterarbeiten und Dramaturgien zu sehen. Ich weiß auch nicht, ob es in Deutschland bisher eine Aufführung davon gegeben hat. Ich möchte Sie bitten, die Grundlinien Ihres Verständnissen von „Zen-Theater“ zu skizzieren.

GAO: Es handelt sich zunächst einmal um eine Kritik am Theater.

TGR: Am europäischen oder am chinesischen Theater?

GAO: Ein Freund von mir, der in London lebende Professor Zhao Yiheng, hat diese Formulierung „Zen-Theater“ erfunden und mich in einem Buch zum Begründer desselben erklärt. Ich bin nicht dagegen, aber es ist nicht nur das. Es gibt keinen GAO-Stil .
Im Grunde ist das Theater ja nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals neu erfunden worden, wobei ich mich auf das westliche Theater beziehe. Es sind andere Formen erprobt worden, wie z.B. bei Samuel Beckett. Das ist alles im 20. Jh. geleistet worden und ich möchte das Theater im 21. Jh. nochmals neu bestimmen, aber ich möchte dies aus der Position des Dramaturgen tun, der einen dramatischen Stoff umsetzen will.
Auf Deutsch ist davon noch fast nichts übersetzt, in Englisch gibt es einiges, viel schon im Französischen. Gerade war ich in Spanien, es sind dort fünf Stücke in Übersetzung und im kommenden Jahr (2008) wird es in Barcelona mehrere Produktionen geben.

TGR: Könnten Sie bitte an einem möglichst konkreten Beispiel verdeutlichen, was Ihr Theater der Zukunft kennzeichnet?

GAO: Die Intrige wird verschwinden. Man wird über die Besetzung sprechen müssen. Die Rollen der Handelnden werden nicht mehr festgelegt sein.

TGR: Greifen Sie damit nicht direkt das Identitäts-Konzept an?

GAO: Das überkommene Konzept ist ja, daß eine Person „Ich“ sagt, dieses „Ich“ sagt „Du“ oder sagt „Er“ oder sagt „Sie“. Das ist für mich nur ein Blickwinkel. Davon möchte ich mich gänzlich lösen, das möchte ich aufheben.

TGR: Wie meinen Sie das?

GAO: Es gibt in einem Stück „Le Quêteur de la Mort“ (2003) z.B. nur zwei Redner, Sprecher 1 und Sprecher 2, keine individuellen Personen. Das ist die Dualität, Zwiefältigkeit eigentlich einer Person.

TGR: Das berührt sich mit meinem Verständnis Ihrer Romanfiguren bzw. Ihrer Weise von Autorenschaft.

GAO: Ganz richtig. Sie sprechen immer das „Du“, nicht das „Ich“.

TGR: Es ist unbedingt notwendig, daß dieses Theater auch in die deutschsprachigen Länder kommt!

GAO: Ein anderes Stück zeigt vier Personen, die jeweils die drei anderen Personen in sich vereinen und spiegeln können. Das ist aber ein falscher Dialog, kein richtiger Dialog. Sie nehmen immer die Perspektive der anderen ein.

TGR: Das ist nicht nur Zen, sondern schon französische Linguistik. Es ist auch eine Dynamik des Mahayana, sich zu identifizieren mit dem Anderen, aus seiner/ihrer Sicht sehen und sprechen zu lernen. Wichtig zu sagen, daß dies nicht nur ein intellektuelles Spiel ist.

GAO: Ja, es ist auch sehr, sehr psychisch, seelisch.

TGR: Was meinen Sie mit dem „Ende der Welt“ (Ausstellungs-und Werktitel): Das Ende der Welt von uns allen, das persönliche Ende (z.B. mit dem eigenen Tod) oder eine Grenze, die man überschreiten oder nicht überschreiten kann?

GAO: Das ist eine grundlegende Frage. Das „Ende der Welt“ assoziieren fast alle mit dem Tod, mit dem Ende und dem Tod. Es ist für mich aber nicht nur das, es gibt heute ein Realität, die uns bedrückt, die materiellen, keineswegs nur psychischen Probleme. Da ist die Klimaerwärmung, die Luftverschmutzung, die Vogelgrippe, Rinderwahnsinn - die Menschen schaffen ihre Übel selber. Was kann man machen? Die Situation wird immer schwieriger und schlimmer und es gibt eine große Angst, die dadurch entsteht. Auch für mich persönlich. Hier geht es also nicht nur um den Tod eines Individuums, sondern das sind wir alle, um die es hier geht.

TGR: Maître GAO, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.

Das Interview mit GAO Xingjian fand am 28.3.2007 im Ludwig Museum Koblenz statt, wo am gleichen Abend die Ausstellung „GAO Xingjian – La Fin du Monde“ eröffnet wurde (28.3.-27.5.2007). Die Fragen stellte Thilo Götze Regenbogen. Für das Zustandekommen des Interviews, sowie für ihre freundliche und engagierte Übersetzungshilfe aus dem Französischen und zurück danken wir der Direktorin des Ludwig Museum Koblenz, Frau Dr. Beate Reifenscheid.

Kurzbesuche, Kunstsitzungen, Seminare

Raum 1 und die aktuelle Ausstellung kann in Form eines Kurzbesuchs, für die Dauer einer Kunstsitzung mit thematischem Schwerpunkt oder einer bestimmten Fragestellung und als ein- oder mehrtägiges Seminar gebucht werden. Näheres zu den schon stattgefundenen Veranstaltungen siehe Menüpunkt Studienprogramm.
Je konkreter die Besucherwünsche sind und je eher sie vorher mitgeteilt werden, desto größer ist der zu erwartende Erfolg. Wenn von der halbstündigen Kunstsitzung 10 Minuten schon darauf verwendet werden müssen, die Vorkenntnisse und Erwartungen der Gruppe herauszufinden, bleiben nur noch 20 Minuten für die Bearbeitung der Fragestellung. Da das Angebot sichtbares Material, also Kunstobjekte, Mobiliar, Fotografien und Dokumente umfaßt, ist es wenig erfreulich, abstrakte Fragestellungen zu bearbeiten, so als wäre garkeine Ausstellung, als wären keine konkreten Belege vorhanden. Der Kurator hat ein Jahr Arbeit darauf verwandt, die Exponate auszuwählen und zu arrangieren und freut sich auf interessierte BesucherInnnen, die diese auch tatsächlich anschauen wollen, die also wahrnehmen wollen, bevor sie diskutieren und die sich in der Diskussion auf die Exponate beziehen wollen. Dylan, Adorno, Lama Govinda: das ist eine komplexe Mischung, die ein Interesse an Ergründung und Vertiefung erfordert, um sich tatsächlich in ihrer ganzen Vielfalt zu erschließen.
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